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Rassismuskritische Bildung – eine Chance für die Demokratie

Prof. Dr. Michael Haus sprach am 26.5.2026 im Rahmen der “Akademischen Mittagspause” an der Unniversität Heidelberg über rassismuskritische Bildung – und warum diese eine Chance für die Demokratie darstellt.

Anliegen der Rassismuskritik werden gegenwärtig oft als „Identitätspolitik“ bezeichnet, meist in negativ-bewertender Absicht. Rassismuskritik, vor allem seitens Aktivist:innen, wird also als Interessenpolitik im Namen von Minderheiten gegen Mehrheiten wahrgenommen. Ihr wird unterstellt, dass sie sich gegen allgemeine Normen und die Idee objektiver Wahrheit stelle. In meinem Vortrag möchte ich dieser Sicht widersprechen. Rassismuskritik ist eine gesellschaftliche Arbeit, die der Demokratie insgesamt und damit uns allen nutzt. Diese Arbeit sollte von rassismuskritische Bildung ermöglicht und unterstützt werden. Rassismuskritische Bildung bietet Lernchancen für alle und trägt Potentiale demokratischer Erneuerung in sich. Voraussetzung dafür ist einerseits, dass wir ein Demokratieverständnis teilen, das dafür offen ist; andererseits, dass Rassismuskritik und rassismuskritische Bildung sich bestimmter Anforderungen, aber auch Fallstricke und Sackgassen bewusst ist.

Demokratieverständnis

Zunächst zum Demokratieverständnis. Wir sollten hier zwei Engführungen vermeiden: zum einen ein minimalistisches Demokratiekonzept, für das Demokratie nur eine Technik der Regierungsbildung ist, eine Technik, die auf der Konkurrenz um Wählerstimmen beruht. Bei der die politischen Eliten möglichst unbeschränkt regieren – und abgestraft werden, wenn sie das nicht so tun, wie die Mehrheit es will. Und in der letztlich alle darauf aus sind, ihre Interessen verwirklicht zu sehen. Demokratie ist mehr als Wahlen und Machtübertragung an Repräsentantinnen. Zum anderen ein idealistisches Demokratiekonzept, bei dem Demokratie für alles steht, was wir für gut oder unverzichtbar halten. Ob das nun Gerechtigkeit, Menschenrechte, offene Grenzen oder das Bedingungslose Grundeinkommen ist. Demokratie ist kein Wunschkonzert.
Stattdessen schlage ich vor, Demokratie als Prozessbegriff zu verstehen, der politischen Realismus mit der Perspektive einer besseren Gesellschaft verbindet. Mit John Dewey können wir Demokratie als eine Lebensform verstehen, in der wir gemeinsam nach Lösungen für Probleme des Zusammenlebens suchen und dadurch als Gemeinschaft zusammenwachsen, also nicht mehr nur nebeneinander her leben, sondern miteinander und füreinander. Das bedeutet ganz Unterschiedliches in verschiedenen Sphären des Zusammenlebens. Es bedeutet aber immer dreierlei: (1) über Probleme des Zusammenlebens kommunizieren – vor allem solche Probleme, die sich aus den Folgen des Handelns der einen für andere oder uns alle ergeben; (2) dadurch ein klareres Verständnis der Probleme und ein erweitertes Wissen über andere Gruppen zu gewinnen – ein Wissen, das auch von diesen Gruppen selbst vermittelt wird, nicht nur über sie. (3) Das Ziel dabei ist gemeinsames und individuelles Wachstum in der Erkenntnis, warum Menschen am Zusammenleben leiden und wie wir es besser machen können. Weniger Leiden, mehr Entfaltungsmöglichkeiten bei Rücksichtnahme auf andere also. Deweys Verständnis von Demokratie, politischer Bildung und Wissenschaft ist bis heute inspirierend. Es verdeutlicht die Potentiale der Demokratie, macht aber auch klar, dass der Weg zu einer demokratischen Gemeinschaft Arbeit erfordert und keine Antizipation der Ergebnisse erlaubt. Demokratie stellt sich Problemen, von denen zunächst weder klar ist, worin sie genau bestehen, noch, wie Lösungen aussehen könnten.

Rassismuskritische Bildung

Nun zur Rassismuskritik. Drei Fragen können eine Rassismuskritik im Rahmen einer so verstandenen Demokratie anleiten:

  • Was verleitet uns dazu, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auszubilden oder autoritäre Formen von Herrschaft attraktiv zu finden?
  • Durch welche Diskurse, Praktiken und Haltungen wird Rassismus verstetigt und wie sind wir daran beteiligt?
  • Was bedeutet Rassismus für die Betroffenen und wie können ihre Erfahrungen sichtbarer, ihre Stimmen hörbarer, ihr Leid mitteilbarer werden?

Ich spreche (in den ersten beiden Frageformulierungen) von „wir/uns“. Das „wir/uns“ ist freilich jedes Mal ein anderes – es bezieht sich entweder stärker auf die Mehrheitsgesellschaft oder marginalisierte, unterdrückte oder angefeindete Minderheiten. Aber im Sinne Deweys geht es darum, diese „Wirs und Uns“ nicht statisch zu verstehen. Die Perspektive ist, wie gesagt, gemeinsames Wachstum in einer durch unsere Kommunikation erweiterten demokratischen Gemeinschaft (Dewey: „Great Community“). Rassismuskritik spielt dabei eine wichtige produktive Rolle.

Michael Haus beim Vortrag in der Heidelberger Peterskirche | Bild: HSE

Im Kern zielt Rassismuskritik auf die Annahme „natürlicher Hierarchien“ zwischen verschiedenen Gruppen. Etwas präziser: „natürlicher“ oder „unveränderlichen“ Hierarchien zwischen Gruppen, die als Nationen, Kulturen oder eben „Rassen“ verstanden werden. Diese Hierarchisierung ist verbunden mit Strukturen, Institutionen und Alltagspraktiken der Benachteiligung der abgewerteten Gruppen. Bei der Kritik kann deshalb entweder stärker die Hierarchisierung zwischen den Gruppen oder die rigide Einteilung in Gruppen sowie die Ausgrenzung der Fokus sein. Abgrenzung, Abwertung und Abdrängung sind die drei Ansatzpunkte für Kritik. Die Kritik an vermeintlich natürlichen Hierarchien stellt aber ein allgemeines demokratisches Anliegen dar. In der Verbindung mit der Kritik an ökonomischer Ausbeutung und Deklassierung sowie geschlechtsspezifischer Unterdrückung verweist Rassismuskritik zudem auf allgemeine Gerechtigkeitsanliegen. Sie richtet sich also nicht gegen allgemeine Normen, sondern im Gegenteil auf deren Pervertierung durch Hierarchisierung.
Zusammengefasst: Rassismuskritische Bildung verstehe ich als ein Weg zur Schaffung von Lern-Gemeinschaften auf dem Weg zu einer „Großen Gemeinschaft“ der Demokratie. Wir haben es nötig zu lernen, vor allem diejenigen, die nicht zu den von Rassismus Betroffenen gehören. Und wir können alle dadurch gewinnen, dass wir lernen.

Fallstricke rassismuskritischer Bildung

Nun zu den Anforderungen, aber auch Fallstricken und Sackgassen, die wir im Blick haben sollten. Wir sollten im Blick behalten, warum Rassismuskritik häufig auf Abwehr stößt. Ich nenne vier Punkte:

  • Erstens: das Rassismusverständnis. Rassismus verstehen wir oft zu eng. Das „Wir“ ist hier geprägt von der deutschen Geschichte, insbesondere dem Nationalsozialismus. Zum einen führt diese Geschichte zu der Annahme, dass „Rassisten“ sich auf „Rasse“ beziehen und eine biologische Rassenlehre vertreten müssen. Rassistische Überzeugungen brauchen aber keine Rasse, weil eine naturalisierende Hierarchisierung von Gruppen mit anderen Begriffen (Kultur, Religion, Kontinent, „der Westen“ und die anderen) auskommen kann. Zum anderen aber, gibt es Widerstände gegen Rassismuskritik nicht nur deshalb, weil Menschen „Rassisten“ sind. Sondern auch, weil Menschen keine Rassisten sein wollen. (Rassismus darf nicht sein, und deshalb dürfen wir auf keinen Fall rassistisch sein! – Das hat in Deutschland selbstverständlich historische Gründe).
    Wie kommen wir demgegenüber zu Lernbereitschaft (Neugierde, historisches Bewusstsein, Interesse an den Erfahrungen anderer)? Entscheidend ist: Es geht nicht um die Anprangerung von „Rassisten“, sondern um die Reflexion von Rassismus (dieser setzt nicht den „Glauben“ an eine rassistische Theorie voraus), worum es geht, sind Prägungen von Wahrnehmungen, Beurteilungen und Praktiken durch Diskursen, in denen rassistische Gehalte tradiert und erneuert werden; das können etwa auch auf den ersten Blick rassismuskritische Überzeugungen sein: Multikulturalismus und Diversitätsemphase oder auch „Colour Blindness“ in Verbindung mit nicht vorhandener Bereitschaft faktisch bestehende Formen von Ausschluss und Benachteiligung zu reflektieren; oder einfach tolerantes Desinteresse.
  • Zweitens: das Problem des Moralisierens bzw. des Moralismus, als eine Kommunikation über Rassismus, die auf die moralische Anprangerung und Abwertung von Individuen oder Gruppen zielt, die als solche für Rassismus verantwortlich gemacht werden. Dies stellt gewissermaßen die Kehrseite der genannten Indifferenz im Gewande der Toleranz dar. Moralismus geht in der Regel einher mit Reduktionismus und Political Correctness. Also der Reduktion von komplexen Problemen auf Aspekte von Rassismus und ein Regime der Sprachregelung, indem die Vermeidung schlimmer Wörter und die Standardisierung bestimmter sprachlicher Wendungen im Zentrum stehen. Statt Rassismuskritik als moralischer Verurteilung „böser rassistischer Subjekte“ sollte es um Räume der Veränderung gehen. Das meint aber nicht das Abstreiten der Verantwortung für sich selbst und die eigenen Einstellungen oder Privilegien. Objektive und subjektive Aspekte müssen miteinander vermittelt werden. Also Strukturen ebenso reflektiert werden wie individuelle Einstellungen. Formen sozialer Benachteiligung beruhen nicht allein auf Rassismus. Zwar reproduziert etwa Schule Rassismus, indem regelmäßig benachteiligende Schulempfehlungen für Kinder von Sinti/Roma ausgesprochen werden. Ein stark selegierendes Schulsystem geht aber in seiner Relevanz für soziale Ungleichheit weiter über „ein Problem mit Rassismus“ hinaus.
  • Drittens: die Rede von „Identität“. Von der Konfrontation zwischen „Identitätspolitik“ und „Anti-Identitätspolitik“ sollten wir zu einer Sichtbarkeit und Anerkennung von kultureller Differenz bei Betonung von politischer Gleichheit und allgemeinen Prinzipien kommen. Zunächst: Natürlich können auch weiße Personen sich zu Fragen von Rassismus äußern. Und werden Aussagen nicht wahr oder falsch abhängig davon, wer sie tätigt. Aber die Perspektive von Rassismus Betroffenen erfordert gleichwohl deren effektive Teilnahme an der öffentlichen Kommunikation über gesellschaftliche Probleme. Denn Objektivität ist kein Privileg (auch nicht der Wissenschaft), sondern ein Anspruch der Berücksichtigung aller Perspektiven in der Suche nach Wahrheit.
    Wie Iris Marion Young hervorhebt, sind hier die spezifischen Unterdrückungserfahrungen verschiedener rassisialisierter Gruppen von zentraler Bedeutung. Sie müssen anerkannt werden. In Deutschland und Europa geht es dabei neben dem Antisemitismus vor allem um den Antiziganismus und den Kolonialrassismus – aber auch um die mit dem „Gastarbeiter“-Wesen der Nachkriegszeit verbundenen Formen der Marginalisierung. Die Frage der „Besonderheit“ der betroffenen Minderheiten kann nicht losgelöst werden von der jeweiligen historischen Unterdrückungserfahrung. Deshalb sollte Besonderheit („Differenz“) weder abgestritten noch als Ausfluss eines „Wesens“ der jeweiligen Gruppe oder als unverzichtbare Voraussetzung, etwas Sinnvolles sagen zu können, dargestellt werden. Es geht darum, wie Differenz als Moment in einer Gesellschaft freier und gleicher Menschen verstanden und produktiv gemacht werden kann.
  • Viertens: das Problem mit den Problemen. Demokratie ist gemeinsames Beraten von öffentlichen Problemen. Wir dürfen und sollen über „Probleme“ im Zusammenleben sprechen. Das gilt auch für Probleme, die im Zusammenhang mit Migration oder dem Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen entstehen können; vor allem Problemen in Verbindung mit von Rassismus betroffenen Gruppen. Entscheidend ist, wie wir Problemkommunikation betreiben. Eine Maxime (im Anschluss an W.E.B Du Bois) kann lauten: von der Kommunikation über „Problemgruppen“ sollte die Kommunikation zu einer gemeinsamen Arbeit an Problemen weiterentwickelt werden. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir uns mit der Art, wie in Medien mit Problemen umgegangen wird, kritisch auseinandersetzen. Rassismuskritische Bildung ist ganz wesentlich kritische Medienbildung.

Zusammengefasst: Rassismuskritische Bildung ist zentral für die Erneuerung, Vertiefung und Erweiterung der Demokratie. Sie ist lohnende Arbeit. Und sie wird besonders produktiv, wenn sie eine Perspektive des Wachstums für alle entfaltet.

 

Die Vorträge der Reihe der Akademischen Mittagspause sind / werden als Videomitschnitt unter folgendem Link bereitgestellt: Akademische Mittagspause 2026: Schule. Bildung. Zukunft.


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Haus (23. Juni 2026). Rassismuskritische Bildung – eine Chance für die Demokratie. Fokus Lehrerbildung. Abgerufen am 8. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16g9j


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