Resilienzräume – Wie Mental Health Literacy den Kontext Schule stärkt
Prof. Dr. Annette Haußmann und R. Deborah Koßmann sprachen am 23.06.2026 im Rahmen der “Akademischen Mittagspause” an der Universität Heidelberg über psychische Gesundheit an Schulen und wie Schulen zu einer Sorgenden Gemeinschaft werden können.
Schule ist nicht nur ein Bildungsort. Einen Großteil des Tages verbringen Schüler und Schülerinnen schon ab einem Alter von ca. 6 Jahren in der Schule – nicht nur am Vormittag in den regulären Unterrichtsstunden, sondern auch in den Pausen, am Nachmittag in der Betreuung, auf Klassenfahrten und Ausflügen. Schule ist ein Lebensort und daher wird dort auch Bildung zum Leben ganz genereller Art vermittelt. Zahlreiche Studien zeigen, dass es im Jugendalter ein hohes Präventionspotenzial für psychische Erkrankungen gibt – und weil so viele psychische Erkrankungen früh beginnen, ist es auch sinnvoll, Prävention früh anzusetzen. Psychische Belastungen sind insgesamt auch unter Kindern und Jugendlichen häufig Sie begegnen also auch Lehrerinnen und Lehrern, die sich angesichts der Belastungen oft hilflos und überfordert fühlen, zumal sie auch den Unterrichtsalltag beeinflussen. Warum also sollte man nicht ihre Kompetenz stärken, mit psychischen Auffälligkeiten gut umgehen zu können!
Schule wurde schon früh als eine Sorgende Gemeinschaft beschrieben
Das Stichwort Schulkultur ist hier relevant: Wie an einer Schule miteinander umgegangen wird, zwischen allen dort beteiligten Personen, das schafft eine Atmosphäre, in der psychische Störungen entweder verstärkt oder verringert bzw. gut aufgefangen werden können.
Dass alle an einem Strang ziehen und Lehrkräfte nicht nur auf sich allein gestellt sind, ist der Grundgedanke einer Caring Community: Alle wirken am Schulklima mit. So kann auch effektive Gesundheitsförderung entstehen. Dass das Auswirkungen hat, zeigen Studien: Schüler:innen fühlen sich wohler, sind weniger depressiv, sie gehen gut miteinander um und haben bessere soziale Fähigkeiten.
Eine Sorgende Gemeinschaft ist dabei ganz umfassend zu denken. Eine für Schule relevante Sorgende Gemeinschaft umfasst unterdessen nicht nur die Schulbeteiligten selbst mit Eltern und Familiensystem, sondern auch periphere Netzwerke und Akteur:innen wie Erziehungsberatungsstellen, ambulante Psychotherapie, aber auch Kirchengemeinden, Kommune, Frühe Hilfen, Schulsozialarbeit etc.
Warum verstehen wir Mental Health Literacy als eine Schlüsselkompetenz und was hat es mit einer positiven Mental Health Literacy auf sich?

Annette Haußmann und Deborah Kossmann beim Vortrag in der Heidelberger Peterskirche | Bild: HSE
Um sich um psychische Gesundheit sorgen zu können, muss man sich mit psychischer Gesundheit auskennen. Deswegen hat sich Mental Health Literacy in der Präventionsarbeit bewährt. Übersetzen lässt sich das Konstrukt in etwa so: Mental Health bedeutet “psychische Gesundheit”, wobei “Literacy” mit “Kompetenz” oder “Wissen” übersetzt werden kann. Es geht also darum, psychische Erkrankungen und ihre Symptome zu erkennen und diese sowie Risikofaktoren richtig einschätzen zu können. Außerdem wird darunter ein Verständnis von Hilfe – sowohl in Form von Selbsthilfe als auch von professioneller Hilfe gefasst. Man kennt sich also mit dem oben beschriebenen Netzwerk aus. Des Weiteren geht es um die Kenntnis darüber, wie Wissen und Informationen über psychische Erkrankungen und das Hilfesystem erhalten werden können und um die Haltung gegenüber psychischen Erkrankungen, sowie dem Umgang damit. Lehrkräfte sollen also keine Psychotherapeut:innen werden, sondern die Idee ist, dass sie sich mit psychischer Gesundheit so gut auskennen, dass sie auf psychische Auffälligkeiten kompetent reagieren können. So können sie auf andere Hilfesysteme verweisen und frühzeitige Unterstützung ermöglichen.
Man ist nie ausschließlich gesund oder krank, sondern bewegt sich auf einem Kontinuum zwischen Gesundheit und Erkrankung. Ein solches, endstigmatisierendes Verständnis von Gesundheit gehört auch zur Mental Health Literacy. Wenn man sich auf diesem Kontinuum im Bereich Gesundheit bewegt spricht man von der positiven psychischen Gesundheit. Die Kompetenz und das Verständnis davon, wie psychische Gesundheit erhalten und gefördert wird nennt man also “positive Mental Health Literacy”. Dafür braucht es emotionale, soziale und psychologische Kompetenzen. Betrachtet man diese am Beispiel einer nahenden Matheklausur wird klar, warum es sinnvoll ist diese Kompetenz in die Schulbildung zu integrieren:
Mit Förderung von Problemlösefähigkeiten und Selbstverwirklichung gestalte ich meine Lebensumstände aktiv. So werden z.B. Lern und Pausenzeiten entsprechend meines Lernstils organisiert.
Persönliche Zufriedenheit bedeutet einen gesundheitsförderlichen Umgang mit mir und meinem Leben zu pflegen. So gehe ich möglicherweise nachsichtiger mit mir um, wenn ich eine Gleichung nicht direkt verstehe oder besinne mich auf andere akademische Stärken.
Prosoziale Einstellungen beschreiben, ob und wie ich mich in einer Gruppe verhalte. Nutze ich vielleicht meinen Klassenverband um Lerngruppen zu bilden und wie bringe ich mich in diese ein?
Durch Selbstkontrolle kann ich den Stress und den Leistungsdruck, der mit einer Matheklausur einhergeht, aushalten und bewältigen.
Autonomie bedeutet, dass ich selbstsicher Entscheidungen entsprechend meiner eigenen Einstellungen und Werte treffe. Wenn es mir entspricht, eine gute Mathematikerin oder zumindest eine leistungsstarke Schülerin werden zu wollen, liegt mir das Lernen für die Klausur näher.
Schließlich meint Beziehungsfähigkeit die Kompetenz, Beziehungen einzugehen und zu gestalten. So kann ich mit der Prüfungsangst meines Freundes empathisch umgehen und die Solidarität damit möglicherweise für sozialen Rückhalt im Umgang mit meinem eigenen Stress nutzen.
Es wird also klar: Bei (positive) Mental Health Literacy geht es nicht allein um das Wissen um psychische Erkrankungen, sondern darum, eine Achtsamkeit, ein Können und eine Haltung im Umgang mit aller Art von psychischen Prozessen sowohl bei mir, als auch bei meinem Gegenüber und meiner Gemeinschaft zu entwickeln. Dafür braucht es nicht unbedingt ein Psychologiestudium oder eine therapeutische Ausbildung. Wir argumentieren, dass diese Kompetenz durch eine kulturelle Veränderung in der Schule als sorgende Gemeinschaft vermittelt werden kann.
So zeigen auch Studien, dass eine geschulte Mental Health Literacy gesundheitsförderliche Effekte hat. Zum Beispiel kann sie entscheidend dazu beitragen, psychische Erkrankungen vorzubeugen, fördert günstigere Stressbewältigung und führt bei Jugendlichen zu einer höheren Bereitschaft, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auf Seiten der Lehrkräfte kann ebenfalls von einem Zusammenhang mit günstigerer Stressbewältigung, einer höheren Arbeitszufriedenheit und einer langfristigeren Anstellung ausgegangen werden.
Es lohnt sich also (positive) Mental Health Literacy zu fördern, nur wie? In der Literatur zeigt sich, dass Lehrkräfte- und Elterntrainings positive Effekte haben. Um aber eine kulturelle Veränderung im Sinne einer Caring Community zu erwirken, reichen einzelne Trainings nicht. Sinnvoller ist es, die Lehrkräfte in ihrer Netzwerkfunktion als Bindeglied zwischen Schüler:innen, Schul- und Gesundheitssystem zu schulen. Ein Ansatzpunkt, Sorgende Gemeinschaften zu fördern, kann die Schulseelsorge sein.
Schulseelsorge als offene Begleitung und Unterstützung im Schulsystem
Seelsorge ist eine niederschwellige Möglichkeit der Lebensbegleitung und zwar in den Höhen und den Tiefen des Lebens. Sie ist ein Raum für alle Anliegen und Themen und steht unter dem Seelsorgegeheimnis, das gesetzlich sogar über der therapeutischen Verschwiegenheit steht und unverbrüchlich ist. Was Seelsorgenden anvertraut wird, behalten sie für sich und sagen es nicht weiter. Das verschafft der Seelsorge einen besonderen Schutzraum, einen “Safe Space”.
Sie ist niederschwellig, das heißt man braucht nicht erst eine Diagnose oder ein wahrnehmbares Leiden. Es genügt der Wunsch, mit jemandem sprechen zu wollen. Seelsorge kann sowohl im Alltag in kurzen Begegnungen als auch in längeren Formen der Begleitung stattfinden. Sie wird von der Kirche bezahlt, die ihre Mitarbeitenden für Seelsorge, hauptamtlich oder ehrenamtlich für Seelsorge anstellt – und ist für diejenigen, die sie in Anspruch nehmen möchten, kostenfrei. Dabei ist Seelsorge zugleich qualitativ hochwertig und an Qualitätsstandards in Ausbildung, Fortbildung und Supervision gebunden, die durch die Fachgesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie gewährleistet und geprüft werden.
Schulseelsorge ist nun ein Spezialfeld der Seelsorge. Sie richtet sich an alle in der Schule Beteiligten, indem sie Rat und Hilfe anbietet in schwierigen Lebenssituationen oder im Alltäglichen des Schullebens. Sie ist dabei nicht nur auf das Einzelgespräch begrenzt, sondern vollzieht sich auch in religiösen Feiern und Festen, ist Bestandteil des Religionsunterrichtes und gestaltet Pausenräume oder bietet Projekte an. Grundlegend ist auch die Pluralität im Schulleben mitgedacht. Ausdrücklich richtet sich Schulseelsorge nicht allein an Menschen christlicher Prägung, sondern an alle unabhängig von ihrer Religion und Kultur. Deshalb werden gezielt auch interreligiöse und interkulturelle Angebote gestaltet.
Seelsorgende an Schulen sind angehalten, sich mit anderen Diensten und Angeboten an der Schule zu vernetzen. Oft sind Schulseelsorgende auch Teil des Kriseninterventionsteams, das z.B. bei Trauerfällen oder Großschadenslagen unterstützt. Schulseelsorge fördert einen guten Umgang aller miteinander und setzt sich für eine wertschätzende gegenseitige Wahrnehmung ein. Damit leistet Seelsorge auch einen aktiven Beitrag zur Schulgemeinschaft und zur Schulkultur, indem die Idee einer sorgenden Gemeinschaft, einer Caring Community gefördert wird.
Unsere Arbeit und Ausblick
Am Lehrstuhl für Praktische Theologie und Seelsorgelehre wird aktuell das Projekt “Psychische Gesundheit in der Kinder- und Jugendseelsorge” durchgeführt. In diesem Zusammenhang werden Schulungen konzipiert, durchgeführt und evaluiert, die Mitarbeitende in der Jugendarbeit für den Umgang mit psychischer Gesundheit unterstützen sollen.
Zudem wird das Thema Seelsorge und psychische Gesundheit auch in öffentlich zugänglichen Bildungsangeboten bespielt. Momentan entsteht unterstützt durch ein HeiSkills Fellowship der Universität Heidelberg eine Plattform, die Bildungsressourcen bereitstellt, die Videos und anderes Material als Selbstlernformat bereithält. Videos dazu sind bereits auf dem YouTube-Kanal TheoLogo zu finden.[1] Die aus diesem Projekt entstehende Open Educational Ressource kann künftig auch in der Lehrkräftebildung zur Förderung seelsorglicher Kompetenz und Mental Health Literacy genutzt werden.
Mit diesen Projekten versuchen wir, einem immer lauter werdender Bedarf von Jugendmitarbeiter:innen und Lehrkräften nach Unterstützung bei diesem wichtigen Thema zu begegnen und einen Beitrag zu leisten auf dem Weg zu einer Sorgenden Gemeinschaft.
Die Vorträge der Reihe der Akademischen Mittagspause sind / werden als Videomitschnitt unter folgendem Link bereitgestellt: Akademische Mittagspause 2026: Schule. Bildung. Zukunft.
Literatur
Weiterführende Literatur zum Thema findet sich unter folgendem Link: https://www.theologie.uni-heidelberg.de/de/literatur-und-quellen
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[1] https://www.youtube.com/watch?v=zItAno8zTd8
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
R. Deborah Koßmann, Annette Haußmann (28. Juli 2026). Resilienzräume – Wie Mental Health Literacy den Kontext Schule stärkt. Fokus Lehrerbildung. Abgerufen am 8. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16mhc


